Gestern hatte ich zum wiederholten Male eine meiner Meinung nach sehr wichtige und wahre Unterhaltung, die mich zum Thema Filme, andere Kulturen  und schließlich zu „The Wailing“ bringt. Es ging in der Unterhaltung um ein altes Leid, das in meiner Disziplin der Geisteswissenschaft weithin als Eurozentrismus bekannt ist. Was kann man sich darunter vorstellen?

Eurozentrismus

Eurozentrismus bedeutet knapp auf den Punkt gebracht eine Fesselung an Vorstellungen, die im europäischen Raum herrschen. Unser Handeln, unser Blick und auch unsere Interessen sind davon stark beeinflusst. Im Alltag führt das dazu, dass wir beispielsweise zwischen fremd und vertraut unterscheiden. Dazu kommen noch viele andere Dinge, am wirksamsten: die Sprache. Dass uns beispielsweise asiatische Kulturen fremder vorkommen als etwa die amerikanische, liegt schließlich maßgeblich am Eurozentrismus. Ein verbindendes oder eben auch trennendes Element kann Essen sein. So fühlt sich die amerikanische Küche weit näher der mitteleuropäischen, während asiatische Esskultur eine größere Kluft aufwirft. Nun ist es aber eine Tatsache, dass chinesisches, japanisches, koreanisches und thailändisches Essen äußerst beliebt sind hier bei uns. Müsste man so also nicht von einer starken Anwesenheit der asiatischen Küche sprechen?
Schon, doch zwischen authentisch asiatischer und europäisch asiatischer Küche bestehen gravierende Unterschiede. Also finden wir hier bei uns eine vorgekaute Version dieser anderen Kultur, so zubereitet, dass sie uns auch wirklich schmeckt, also keinen unserer Vorstellungen widerspricht. Schon einmal Phönixkrallen, falls im Angebot, bestellt? Nicht jeder ist davon begeistert, viele finden es eklig.

Die vorgekaute Kultur

Dass das eben Beschriebene nicht nur auftritt, wenn es ums Essen geht, können Cineasten nur allzu gut bestätigen. Denn die Liste der Remakes, die auf asiatischen Filmen basieren, ist lang und nicht gerade von Ruhm geschmückt. Die wohl bekanntesten Beispiele darunter sind „The Ring“, „The Grudge“ und „Godzilla“. Deren „verwestlichte“ Varianten stoßen bei Anhängern der Originale sehr selten auf Zustimmung. Denn durch das radikale Entfernen oder Reduzieren des ursprünglichen kulturellen Settings, bleibt ein freigesetztes Überbleibsel von etwas vormals Größerem und Detailreicherem. Verständlicher für ein europäisches (in Verbindung amerikanisches) Publikum, aber eben auch vorgekaut, vereinfacht. Damit wird dem Film als Medium eine entscheidende Funktion genommen. Von dem Fenster zu einer anderen Kultur bleibt ein kleiner Spalt, der schemenhaft Züge etwas Fremden erkennen lässt, gerade so viel, um ein Moment der Spannung zu erhalten, das ausreicht, den Zuseher an die Handlung zu binden.
Gleichzeitig versucht dieses Vorkauen, den Zuseher vor einer zu großen Entfremdung zu schützen, die zur Ablehnung des Gesehenen führen könnte.

Das Fenster öffnen – The Wailing (2016)

Glücklicherweise besteht die Wahl zwischen Spalt und offenem Fenster. Das offene Fenster will nur gesucht werden. Der 2016 erschienen Film „The Wailing“ ist ein solches und hat mich dahingehend enorm überzeugt. Er nahm mich mit auf eine Reise ins heutige Südkorea. Neben seiner packenden Handlung und Vereinigung zahlreicher Motive des Unheimlichen zeigt uns der Mystery-Thriller Arbeits- und Familienalltag, spirituelle Vorstellungen und Praktiken sowie deren moderne Adaption Südkoreas. Der Film erlaubt uns einen Einblick, ja sogar ein Gefühl für diese spannende Kultur, die manchmal unverständlich erscheinen mag, daraus aber wiederum seinen Reiz, und das schon seit Jahrhunderten, bezieht. Durch das eigenständige Dekodieren, also zumindest durch das Versuchen des Verstehens, kommt es zu einer großartigen Auseinandersetzung mit der anderen Kultur.
„The Wailing“ zählt damit als weit mehr als nur ein Unterhaltungsmedium. Er ist ein Anreiz, um den Kopf aus dem Fenster zu strecken, ein Bein hinaushängen zu lassen und schließlich den Sprung in die andere Kultur zu wagen. Das Potential der Inspiration, das von Filmen, aber auch anderen Medien dieser Art ausgeht, muss dementsprechend hoch geschätzt und gewürdigt werden. Denn was mit einer Reise auf dem Bildschirm beginnt, hat oftmals erst die wahre Reise zur Folge.

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