Sehr zu meiner Schande hatte ich Hellblade: Senua’s Sacrifice erst viel zu spät am Schirm. Die Meldung, die sich schließlich nur als Gerücht heraus stellte, dass das Spiel mit einem Perma-Death System kommt, tat der Promotion des Spiels sicherlich auch nicht schlecht, überschattete dann doch zu einem gewissen Ausmaß den eigentlichen Kern des gelungenen Abenteuers von Senua und ihrem Kampf mit der verletzten Psyche. Denn was wir hier vorfinden, ist eine tiefgründige und künstlerisch anspruchsvolle Darstellung von innersten Seelenvorgängen.
Kurz: Unrealistische Femnazi Propaganda. Kopf trifft Tischplatte kritsch.

Rainer Sigl war so fein und hat ein paar „Meinungen“ von Steam zu Hellblade zusammengestellt. Solche Ergüsse rufen freilich einerseits Belustigung hervor, andererseits wird man zu heftigem Kopfschütteln genötigt.

 

Amüsanterweise sind die psychischen Erfahrungen der Titelheldin ganz ähnlich den Angststörungen der auf „Männlichkeit“ betonten „Kommentatoren“ (Euphemismus). Denn es werden Phantasmen heraufbeschworen, so wie man sie gerade für das doch intelligenzbefreite Argument benötigt. Dass es sich dabei um kein „Gamer-Phänomen“ handelt, ist leicht aufgezeigt. Der Grund für solche Äußerungen ist nicht im Zielmedium zu suchen, sondern in der Gesellschaft, in der die Kommentatoren aufwachsen. Sexismus ist eben allgegenwärtig, vergangene Generationen wuchsen damit auf und wir ebenso. Deshalb erscheint es dann doch irgendwie unlogisch, dass eine Frau gegen Monster kämpft. Kämpfen ist ja doch Männersache. Äh äh!

Was hier vorliegt, ist eine Ansammlung an komplett falscher Gesellschaftsvorstellungen. Die offensichtlichsten sind Nordisch/keltische Gesellschaft, Nazis, Feminismus. Benutzt werden lediglich die Begriffe, inhaltlich sind diese aber willkürlich „gefüllt“ und tatsächlich von jeglicher Realität, historisch als auch gegenwärtig, entfremdet.

Feminismus: Feminismus und FeministInnen bedeutet nicht gleich „Frau“, andersrum bedeutet nicht jede Anwesenheit einer oder mehrerer Frauen Feminismus. Nicht jede Frau ist Feministin, muss sie gar nicht, das ist wiederum Teil des Feminismus. Was hier vorliegt, ist eine tiefe Angst seitens der Männer vor Machtverlust, im Falle von irrationalen Kommentaren wie oben kann man wohl schon von einer Angststörung sprechen, ausnahmsweise darf auch Freud ins Boot geholt werden: Kastrationsangst, wenn mal eine starke Heldin vorkommt? Das eigene Gemächt könnte ja im Spielverlauf an Potenz verlieren.

Nazis: Das Nazi-Regime baute zu einem großen Teil auf der Personengruppe auf, die Angst vor dem Machtverlust hatte. Es waren also keineswegs Menschen, die sich für Gleichberechtigung und Diversität einsetzten, die das totalitäre Regime an die Macht brachten oder unterstützten. Im Gegenteil, es waren jene, die nach Einschränkung riefen. Feminism is not how Nazi Germany started. Angstgestörte Männer haben Nazi-Deutschlang gestartet.

 

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Wie steht es nun um den Umstand, dass es absolut unrealistisch ist, dass Frauen mit Monstern/Bestien kämpfen? Lassen wir kurz beiseite, welche Kämpfe Frauen Tag für Tag im Alltag führen müssen, nicht zuletzt aufgrund solcher macho-maskuliner Attitüden. Auf welche Argumente kann man Annahmen der kämpfenden oder nicht-kämpfenden Frau in den spezifischen historisch Epochen stützen? Denn „So war es einfach“ reicht nicht aus und was für einige längst ein alter Hut der Erkenntnis ist, stellt für viele nach wie vor ein Überraschungsmoment dar: Frauchen ins Heimchen, hinter den Herd etc., ist keine universelle und schon gar nicht natürliche Konstante. Nichts also mit Männer jagen, Frauen hüten die Höhle.

Für die keltische Gesellschaft finden sich in der Tat Belege, dass die keltische Frau eine emanzipierte Rolle hatte. Das gemeinsame (!) Vermögen gehört beispielsweise nicht nur rechtlich beiden, sondern wird von Mann und Frau gleichberechtigt buchhalterisch verwaltet, so Cäsar im De Bello Gallico Buch IV.

Die Männer, nachdem die Schätzung gemacht worden ist, legen so viel aus ihrem Vermögen zur Mitgift dazu, wie viel Geld sie von den Frauen im Name der Mitgift empfangen haben. Über all dieses Geld wird gemeinsam die Buchhaltung geführt und wird gespart; wer von beiden überleb hat, zu diesem gelangt der Teil der beiden mit den der früheren Zeiten Gewinnen.

Ob die seelisch zermarterte Keltin oder Wikingerin nun auf eine Reise durch die seelische Unterwelt gehen würde, lässt sich anhand Quellen nicht mit Ja oder Nein beantworten, muss es aber auch gar nicht. Der Blick fällt vielmehr auf den individuellen Handlungsraum, der in keiner Epoche unterschätzt werden darf und welcher durch Cäsars Zitat angedeutet wird. Das vermeintlich „historische Realismusargument“ hält somit wenig überraschend nicht mal der kleinsten Nachforschung stand. Die Historizität über die Mythology dient vielmehr als ein Referenzrahmen für die SpielerInnen, nicht zuletzt wegen der anhaltenden Beliebtheit des Keltischen sowie Nordischen. Nichtsdestotrotz zahlt es sich aus, nach dem historischen Grundlagen zu fragen, um vertiefende und klärende Diskussionen anzuregen.

Senuas Reise ist eine künstlerisch aufwändig und gelungene Seelenreise. Jegliches Realismusargument verliert ohnehin sofort an Bedeutung, da es sich um eine subjektive Manifestation der Psyche der Protagonistin handelt. Keltische bzw. Nordische Mythologie dienen hierbei als Setting, die weibliche Protagonistin widerspricht diesem in keiner Weise.

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