Im Lichte der Ereignisse rund um Felix „Pewdiepie“ Kjellberg, aber auch mit Blick auf gesamtgesellschaftliche Entwicklungen, erscheint es mir wichtig, einen Beitrag über das Thema Rassismus und Sexismus im digitalen Zeiten zu schreiben. Dies darf durchwegs als kleines Mission Statement von Bildschirmkultur verstanden werden.

Rassistisch aufgewachsen, sexistisch erzogen

Ich nehme gerne die provokante Position ein zu sagen „Wir alle sind Rassisten und Sexisten.“ Es ist nicht als Beleidigung gedacht, sondern als Weckruf. Die gesamte Menschheitsgeschichte ist geprägt von Differenzierung, innerer sowie äußerer. Die bekannte „Völkertafel“ aus dem 18. Jahrhundert weiß vielen Völkern der Zeit auf akribische Weise Attribute zuzuschreiben, und zwar nicht immer nur positive. Im 19. Jahrhundert geschieht die rechtliche Diskriminierung der Frau über einschlägige Gesetzestexte, die dem Mann mehr Recht zusicherten. Das sind nur zwei Beispiele direkt aus dem mitteleuropäischen, deutschsprachigen Raum.

Völkertafel
Völkertafel (ca. 1725): Stereotype sind nicht neu. (via Wikicommons)

Rassismus und Sexismus ist nichts neues, im Gegenteil: Es ist veraltet, überholt und passt gar nicht in eine grenzenfreie, globale Welt. Schon gar nicht passt es ins digitale Zeitalter, in dem Distanzen aller Art neutralisiert werden. Das alte, rigide System von Rassismus und Sexismus, Ausgrenzung und Verachtung, bricht, es wird von allen Seiten angegriffen. Dieses alte System wehrt sich aber dagegen, seine Vertreter stempeln jeden Vorstoß für Veränderung als Eingriff in ihre eigene Freiheit ab. Unter der „political correctness“ wird der Weg des offenen Denken, der Befreiung aus alten, schon vormals aufgezwungenen Denkmustern, rhetorisch zur Einschränkung der individuellen Freiheit, oft Meinungsfreiheit, umgedeutet. Freilich ließe sich von zwei Seiten sprechen, die beide „Freiheit“ versprechen. Doch ganz so ist es einfach nicht und jedes noch so kleine Gedankenexperiment in diese Richtung legt das deutlich offen. Hass, Ausgrenzung, Verachtung gegenüber Respekt, Wertschätzung und Liebe – was verspricht was?

Wohin uns Hass führt

Worin liegt die Freiheit, Menschen zu beleidigen oder allgemein beleidigende Begriffe zu verwenden? Das wilde und uneingeschränkte Umsichwerfen von Beleidigungen zeugt keineswegs von Freiheit, sondern davon, dass man unwissend ist, intellektuell sowie emotional. Worte sind mehr als eine Sammlung von Buchstaben, sie transportieren Bedeutung. Diese Bedeutung kann sich ändern, je nach Zeit aber auch Kontext. So funktioniert Sprache, es handelt sich hierbei um die Semantik. Beleidigungen sind daher Begriffe, denen eine herabwürdigende Bedeutung an einem Punkt in der Geschichte der Sprache eingeschrieben wurde und somit häufig in direktem Bezug zu historischen Gesellschaftssystemen stehen. Somit ist ein Ausbruch mit Beleidigungen häufig kein beabsichtigter Angriff, sondern ein unreflektierter Gebrauch eines Begriffs, den wir nun mal so gelernt haben. Vielleicht von unseren Eltern, die das auch so gemacht haben. Vielleicht von unseren Freunden, die das vormachen. Unter Umständen auch von unseren Kontrahenten, in hitzigen Konfrontationen. Tatsache ist, die Beleidigungen werden unreflektiert übernommen und wiedergegeben, die Botschaft dahinter bleibt: Hass. Entwürdigung. Verachtung. Es geht um Zerstörung, nicht um Zusammenarbeit, nicht um einen besseren Ausgang. Eine Beleidigung und der damit verbundene Hass können zu keinem guten Ende führen, sondern nur zu noch mehr Hass. Ein Teufelskreis.

Warum sollten wir auch hassen? Es versetzt den Hassenden und den Gehassten in einen emotional negativen Zustand. Gar keine Win-Win-Situation. Außerdem begraben wir damit zahlreiche Möglichkeiten einer digitalen Kultur, die uns in eine bessere Zukunft ermöglichen können. Sie sind all das, was passiert, wenn man dem programmierten Rassismus, Sexismus und schlichtweg Hass den Rücken kehrt.

Miteinander statt gegeneinander

Überlegt man sich vor diesem Hintergrund, warum in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder Angst vor der Zeit der Digitalisierung, des Internets und der offenen Grenzen aufgekommen ist, so ergibt das sogar Sinn. Das neue, digital vernetzte Gesellschaftssystem löst das alte, eingeengte und träge System ab. Deshalb auch die vielen Ängste, wo das doch hinführen könnte. Von der verdorbenen Jugend bis hin zum Untergang der gesamten Menschheit gibt es viele Visionen, die Schwarzmalerei betreiben. Solche Argumente, oftmals auch genau dieselben, finden sich in allen historischen Phasen von Veränderung. Ob die reale Entwicklung schlussendlich näher an der Utopie als an der Dystopie dran ist, das liegt in den Händen der gegenwärtigen Menschen. Uns. Und sie kann damit beginnen, dass wir uns über die Diskussion eines Begriffes und seiner rassistischen Bedeutung nicht zerfetzten, sondern daraus lernen. Diesen Schritt hat Felix „Pewdiepie“ Kjellberg selbst getan und sollte besonders seine Zuseher anregen, sich auch darüber Gedanken zu machen.

 

Fehler passieren, Lernen ist stetiger Teil des Lebens und es erfolgt über Konsequenzen, wie in diesem Fall durch den Entwickler von Firewatch Campo Santo.

Die Option gegen den Hass verlang nicht, Blümchen zu pflücken und Kuchen zu backen. Anstelle der Beleidigungen tritt lediglich ein respektvoller Umgang miteinander, unabhängig von Faktoren wie Geschlecht oder Herkunft. Es ist ein einfaches Rezept. Indem wir andere unterstützen, wachsen wir selbst wiederum. Zusammenarbeit und Respekt sind eine Grundlage, die besonders wir, die wir in dieser digitalen Zeit aufwachsen, am besten kennen sollten. Denn alles, was mittlerweile auf unseren Bildschirmen läuft, verbindet uns über alle Grenzen hinweg: Die Lieblingsserie teilen wir mit Millionen anderer Fans. Auf die Fortsetzung von Star Wars warten wir nicht alleine oder als Nation, sondern als weltweite, grenzenlose Gemeinschaft. Und auch die regionale Fußballliga überwindet man in Fifa oder PES per Knopfdruck. Das digitale Zeitalter bedeutet Grenzenlosigkeit, und zwar nicht als Gefahr, sondern als Chance.

Deshalb ein lautes „Nein!“ zu Hass!

 

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