Wer ist nicht neugierig? Mal schnell einen Blick in ein Fenster zu erhaschen, manchmal kaum vermeidbar, wenn man ein einer Erdgeschosswohnung vorbei geht. Oder mal eben in den Garten des Nachbarn lugen, was da mal wieder so vor sich geht. Menschen sind nunmal neugierig, problematisch wird es aber ab einem gewissen Punkt doch. Wenn der Nachbarsgarten videoüberwacht wird oder Fotos durch ein Fenster in die private Wohnung geschossen werden. Das wäre dann ja Überwachung. Spitzelstaat. So wie in Warm Lamp Games‘ „Beholder“.

Der voyeuristische Hausmeister

Was nach dem Titel einer schmuddeligen Produktion klingt (und so sicherlich schon in den Untiefen des Internets lauert, oh ich darf es nicht googeln…), ist in Beholder das spielerische Grundkonzept. Denn als Hausmeister eines Appartementkomplexes im Jahre 1984 sind wir damit beauftragt, ein wachsames Auge auf unsere Mieter zu haben. Das können wir insofern besonders gut, da wir mit einem experimentellen Mittel behandelt wurden und somit nicht mehr schlafen müssen. Nie mehr. Damit bleibt uns sogar das Träumen fortan verwehrt. Dabei täte uns das sicherlich gut, denn selbst, unser Name ist Karl, beziehen wir das Kellerappartement, zusammen mit unserer Familie: Frau, Sohn, Tochter. Regelmäßig erstatten wir dem Ministerium für Ordnung Bericht. Moment, wir sind als Hausmeister einem Ministerium unterstellt? Jep, und hier fängt die ganze Dystopie richtig an, denn wir sind nicht einfach ein privat angeheuerter Mensch für eh alles, sondern Beamter für eh alles. Und anstelle von Lob durch den wohlwollenden Chefs gibts die Rüge vom schattenhaften Vorgesetzten. Denn wenn nicht alles so läuft, wie sich die Regierung das vorstellt, werden kurzerhand die Schergen, hünenhafte Polizisten so groß wie Schränke, in unseren Appartementkomplex geschickt. Und diese Herren gehen alles andere als zimperlich vor. Also nichts mit dem heimlichen Beobachten der Mieter, um das ein oder andere pikante, private, schmutzige Detail über sie herauszufinden und sie dann zu erpressen. Obwohl man das natürlich auch betreiben kann, so bessert man sich zumindest den Inhalt der Brieftasche auf und kann sich Luxusgegenstände kaufen. Immerhin sind da ja auch noch die Bedürfnisse der Familie, die gestillt werden müssen. Früher oder später wird auch jemand krank werden. Alles ein riesiger Scherbenhaufen. Alles für das Vaterland eben. Also warum sich eigentlich in so eine düstere Welt begeben?

Beholder, Warm Lamp Games (2016)
Das Ministerium für Zuweisung schickt uns an unseren neuen Arbeitsplatz.

Im Namen des Staates

Als verlängerter Arm des Staates sind wir die Autorität im Appartementkomplex. Dass es sich bei der Obrigkeit nicht um die „Guten“ handelt, darauf lässt sich schon in der Eröffnungssequenz schließen, denn unser Vorgänger wird brutal „entsorgt“. Ähnlich wie in „Papers, please!“ steuern wir rasch auf unser erstes Dilemma zu. Natürlich möchten wir unseren Job gut machen, zu Beginn klingt es ja nach Ordnung, Sicherheit und Sittlichkeit durchsetzen – nichts leichter als das. Doch bald geraten wir zwischen die Fronten. Die staatlichen Interessen harmonieren nämlich, welch Überraschung, gar nicht mit denen der Bevölkerung – der Widerstand tritt auf. Mittendrin sind wir und unsere Familie, also individuelle, persönliche Interessen.

Als wir den Drogendealer in Appartement 2 dingfest machen, stehen wir noch mehr in der Rolle des polizeilichen Ermittlers. Undercoverarbeit fast schon. Spannend! Moralisch scheint das auch einwandfrei: Der eindeutig Kriminelle wird verhaftet, das Ministerium ist zufrieden, wir bekommen unsere Belohnung, Geld und Reputation. Das Geld investierten wir erstmal in das Gebäude, sodass wir die nun vakante Wohnung wieder vermieten können. Sofort finden wir einen Mieter, Aloisius Shpak, 47, von Beruf her Arzt. Ein scheinbar ehrenhafter Mann, der uns keine Probleme machen sollte.

Beholder, Warm Lamp Games (2016)
Aloisius Shpak hat Wohnung Nr. 1 bezogen. Wir bewohnen die Kellerwohnung inklusive Überwachungsraum ganz rechts.

Doch die Probleme sind eigentlich überall. Neben den kleinen Aufträgen, die wir von Familie und Mietern bekommen, etwa das Beschaffen von Bücher für unseren Sohn, damit er an der Uni zurecht kommt, oder die verlorene Brille des schrulligen Archivars aus Wohnung Nr. 3 wiederbeschaffen, treffen bald zweifelhafte Aufträge des Ministeriums ein. So soll der ehemalige Besitzer des Komplexes, Klaus Schimmer, nun wohnhaft in Wohnung Nr. 1, zwangsgeräumt werden. Und zwar mit allen nötigen Mitteln. Das heißt, wenn wir keine inkriminierenden Beweise finden, müssen wir diese eben platzieren.
Doch meistens finden sich schnell irgendwelche Vergehen bei den Mietern, denn täglich trudeln neue Verordnungen der Regierung ein. Anfangs noch nachvollziehbar, etwa das Verbot von Drogen, kommen im Laufe des Spiels wahnwitzige Verordnungen hinzu. So sieht etwa die Verordnung Nr. 6040 vom 1. September 1984 vor, dass der Konsum und Besitz von Äpfeln illegal ist. Erwischt man also einen Mietern beim Verzehr eines Apfel, so sind dessen Tage, abhängig von unserer Reaktion, gezählt.

Für den Widerstand

Spätestens nach der Zwangsräumung von Klaus Schimmer dämmert es: Richtig war das nicht. Zumindest fühlt es sich nicht so an. Der alte Mann wurde brutal von den Polizeischergen aus seiner Wohnung entfernt. Die restlichen Mieter sowie die eigene Familie sind darüber entsetzt. Kurz nach der Zwangsräumung von Klaus Schimmer ereignet sich zudem ein Explosion, unser Gebäude wird beschädigt – ein terroristischer Anschlag in einem Lagerhaus oder eine eine Befreiungsschlag gegen die nahgelegene Fabrik, die zur Ausbeutung der Bevölkerung diente? Zwei Seiten, zwei Geschichten. Es wird zunehmend naheliegender, dass man unter Umständen der falschen Seite dient: Zwangsräumungen, Anschwärzen von Personen, Strafgelder, Druckmittel. Schließlich öffnen sich uns neue Optionen, denn natürlich gibt es ein Gegenangebot zum tyrannischen Regime. Unser Appartementkomplex könnte dem Widerstand als Unterschlupf dienen. Wenn da nicht das Problem wäre, dass der Staat uns recht schnell auf die Schliche kommt und uns mit saftigen Bußgeldern ans Leder rückt. Widerstand oder Gehorsam – das Dilemma ist perfekt.

Alles für die Familie

Schlussendlich wird außerdem unsere kleine Tochter Martha krank. Das unter schwierigen Umständen besorgte Aspirin hilft nicht, nur eine teure Therapie verspricht Hoffnung. Und zwar eine wirklich teure! 10.000$ und zwar im Voraus zu bezahlen. Zwischendurch will unser Sohn noch die Studiengebühren bezahlt bekommen, Rechnungen müssen beglichen werden und just 2 Stunden vor dem drohenden Ableben unserer Tochter möchte unsere Frau ein modernes Radio. Unser Kontostand lautet zu diesem Zeitpunkt 4.500$. Martha stirbt kurz darauf, wir bekommen eine Zwischensequenz ihrer Beerdigung.

Beholder, Warm Lamp Games (2016)
Ein Radio oder das Leben der Tochter? In Beholder gibt es viele Wege.

Neben Regime oder Widerstand, also einer binären Entscheidung, kommt der Faktor der Familie hinzu. Das ist, wenn wir uns nicht frühzeitig für ein einsames Leben entscheiden. Denn tatsächlich, auch das ist möglich. Frau und Sohn können ebenso illegaler Handlungen überführt werden und aus dem Spiel gezogen werden. So kann es geschehen,  dass wir unsere eigene Frau aufgrund einer Waffe, die wir durch einen Boten des Widerstands bekommen haben, ins Gefängnis bringen. Der totalitäre Staat durchdringt in „Beholder“ eben alles und ist damit eine erschreckende Darstellung eines terroristischen Regimes.

Beholder, Warm Lamp Games (2016)
Verrat in der Familie: Nach dem traumatischen Verlust Marthas bringt Hausmeister Karl seine Frau Anna ins Gefängnis.

Terror auf dem Bildschirm

Während die Elemente von „Beholder“ allesamt spielerisch umgesetzt sind, endete für mich der reguläre Spielspaß mit dem Tod von Töchterchen Martha und der damit schmerzlich klar gewordenen Handlungsunfähigkeit im Angesicht des totalitären Systems. Denn an diesem Punkt war es unmöglich, aufgrund der vorhergegangenen Entscheidungen, das nötige Geld aufzutreiben. Dieses Gefühl der Hilflosigkeit, gar Verzweiflung im Angesicht der Tatsache, nichts gegen das krankheitsbedingte Ableben der Tochter unternehmen zu können, ist eine tiefgreifende, emotional drastische Spielerfahrung. Es handelt sich dabei um eine andere Form des Terrors, nicht jene durch Waffengewalt, die den Konflikt zwischen Regime und Widerstand auf beiden Seiten inszeniert. Es ist der Terror des Verlustes, der Terror der Angst, der Terror der Hilflosigkeit. Polizisten stürmen das Appartement und prügeln Mieter zu Brei. Fabriken werden von Bomben zerstört. Doch der wahre Terror, der findet in dem von uns gespielten Hausmeister Karl statt. Denn in ihm bündeln sich alle Konflikte und werden schließlich auf dramatische Weise immanent.

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